Der gekreuzigte Christus versus der Jude Jesus

– Die Erfüllung der Schrift versus die Opfer der Shoah –

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Ein Beitrag zu Karfreitag und zu Ostern

 

Marc Chagall: Vlnr (1) Jesus der Gottesknecht, Chor-Mittelfenster, Pfarrkirche Mainz-Sankt Stephan, 1978-1985; (2) Gelbe und (3) Weiße Kreuzigung, 1942 bzw. 1938.

 

Die/das Glasfenster in Mainz hat Marc Chagall (1887-1985) in seinen letzten Lebensjahren (1978-1985) geschaffen. Zwischen (1) und (2)/(3) liegen aber nicht nur rund 40 Lebensjahre des Künstlers, sondern die Kunstwerke spiegeln unterschiedliche historische und theologische Inhalte wider, so wie es in meiner Überschrift zum Ausdruck kommen soll.

Marc Chagall hatte sich der Shoah rechtzeitig durch Flucht in die USA entziehen können. Gleichwohl beschäftigte ihn das Schicksal der Juden im amerikanischen Exil so sehr, dass die schlimmen Erzählungen, die auch bis zu ihm drangen, in viele seiner Kunstwerke eingeflossen sind. Namentlich (3) steht im historischen Kontext mit der Reichskristallnacht 1938, als in Deutschland, aber auch in anderen nationalistisch dominierten Ländern Europas, die Synagogen brannten und die Judenverfolgung richtig Fahrt aufnahm. Stellvertretend für die unzähligen kunsthistorischen Interpretationen zu Chagalls Werken hänge ich zum Verständnis von “Die Weiße Kreuzigung” eine Abhandlung der Evangelisch-Lutherischen Kirche (Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis) an, die das Wesentliche zu diesem berühmten Bild zusammenfasst.

Zu den unvergleichlichen Chagall-blauen Chorfenstern in MZ-Sankt Stephan hat Msg. Klaus Mayer, der ehemaliger Gemeindepfarrer und Initiator der “Fenster-Aktion” in den Siebziger Jahren (2022 im Alter von 99 Jahren verstorben) nicht nur jahrzehntelang eigene Meditationen für die Kirchenbesucher vor Ort abgehalten, sondern 4 bebilderte Bücher verfasst. Im Kapitel “Jesus, der Gottesknecht”, schafft Mayer – sprachlich brillant – anhand von vielen Textzitaten aus dem Alten Testament nachvollziehbar die Verbindung zum Christentum im Sinne einer Erfüllung der Weissagungen der Propheten. Judentum und Christentum seien somit kein Gegensatz, sondern hätten gemeinsame Wurzeln. In der Laudatio der Pfarrei anlässlich des Todes von Klaus Mayer formulierte der Pfarrgemeinderat:

Ohne Zweifel bildeten die Fenster den Höhepunkt des Wirkens und Schaffens von Klaus Mayer in St. Stephan. Er betrachtete sie stets als Zeichen für Frieden und Versöhnung, für das er dankbar war. Friede und Versöhnung zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn (dafür steht Marc Chagall mit seiner Herkunft aus Weißrussland), zwischen Juden und Christen (dafür steht Chagall mit seinem jüdischen Glauben) und zwischen Deutschland und Frankreich (dafür steht Chagall mit seinem Wohnort in Frankreich).

 

2000 Jahre Judentum

Zerstreut in alle Welt, verfolgt, verachtet und im Dritten Reich von den Deutschen systematisch vernichtet. Warum??

Um eine Antwort zu benennen: Das Christentum und vor allem der Klerus, an der Spitze die Päpste, vom Mittelalter bis in die Neuzeit, haben nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass der Antisemitismus bis hin zu seiner perversen Eskalation in der Shoah sich weltweit ausbreiten und bis heute hartnäckig behaupten konnte. Galten die Juden doch jahrhundertelang als das Mördervolk des Messias – bei manchen Evangelikalen wahrscheinlich sogar bis heute. Dieser Umstand allein erklärt jedoch nicht hinreichend, warum es so ist, wie wir es heute vorfinden. Antisemitismus ist ein komplexes Phänomen und ausschließlich rational nicht nachvollziehbar.

Ende des vorletzten Jahrhunderts kam durch den Zionismus (von „Zion“, dem Namen des Tempelberges in Jerusalem und Bezeichnung für den Wohnsitz JHWHs, des Gottes der Israeliten) die Idee auf, einen jüdischen Nationalstaat im geografischen Palästina zu gründen, was rund 50 Jahre später, 1948, aufgrund einer Resolution der UN tatsächlich gelang. Allerdings befand sich der neue Judenstaat vom ersten Tag an im Krieg mit seinen arabischen Nachbarn – im Grunde genommen (vereinfacht ausgedrückt) bis heute.

 

Quelle: WIKIMEDIA

 

Der Nahostkonflikt: 75 Jahre lang Krieg, Verfolgung und Vertreibung – wird das irgendwann anders werden?

Wir wissen es nicht. Eines ist uns aber bewusst: Was die Deutschen dazu beitragen, ist äußerst bescheiden. Allein das Existenzrecht des Staates Israel als “deutsche Staatsräson” auf unsere Fahne zu schreiben, hilft dabei nicht weiter. Wir haben diese Fahne seit Oktober 2023 vor uns hergetragen wie eine Monstranz, wirklich beeindruckt hat das aber niemanden. Zumal wenn sich schnell herausstellt, dass es bildlich gesprochen eine “Schachtel ohne Inhalt” ist. Auf die naheliegende Frage, was damit konkret gemeint sein könnte, z.B. ob wir unsere Bundeswehr auch in den Kampfeinsatz gegen Terroristen schicken würden, haben wir keine überzeugenden Antworten geben können. Eine abstrakte “Zwei-Staaten-Lösung” zu propagieren, ohne zu wissen, wie es grosso modo funktionieren könnte, ist auch nicht der Gamechanger. Denn völkerrechtlich ist das bereits der Status quo seit 1948; die UN haben damals Palästina in zwei Hälften geteilt, in eine jüdische und in eine palästinensische, was aber von den Palästinensern und den arabischen Nachbarn nicht anerkannt wurde. Denn sie reklamierten ganz Palästina für sich – bis heute.

Weltweit verstreut leben heute rund 20 Millionen Menschen auf diesem Planeten, die man aufgrund ihrer jüdischen Abstammung als Juden oder Israelis bezeichnen kann. Außerhalb Israels leben die meisten in den USA, New York ist nach Tel Aviv die größte jüdische Siedlung mit entsprechendem finanziellem und politischem Einfluss. Ergo liegt dort der Schlüssel, um aus einem als unendlich erscheinenden Konflikt einen modus vivendi abzuleiten, der als ersten Schritt zumindest Mord und Totschlag ein Ende bereitet. Ob die jüdische Hochfinanz in den US zu solch radikalen Schritten bereit ist, ist allerdings fraglich. Der Mensch sei ein durch die Vernunft geprägtes Wesen, das haben uns einmal die Aufklärer ins Stammbuch geschrieben. Das stimmt zwar, ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Jenseits aller Theologie, mit der er unvermeidbar in Konflikt geriet, hat Charles Darwin, einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler der Menschheit, Erkenntnisse formuliert, die leider bis heute uneingeschränkt Geltung beanspruchen:

„Wir müssen einräumen, dass der Mensch mit allen seinen hohen Eigenschaften noch
immer in seinem Körper den unauslöschlichen Stempel seines niederen Ursprungs trägt.“

„Unsere Abstammung ist die Quelle allen Übels. Der Teufel in Gestalt eines Affen ist unser Großvater.“

Ostern steht vor der Tür. Dem Teufel wollen wir dabei nicht huldigen, sondern wieder einmal ein Licht anzünden, das wir (Katholiken) in Gestalt der Osterkerze in die Kirche tragen. Das Exsultet ist der Höhepunkt des Kirchenjahres. Die Osternacht verkündet das, was Marc Chagall im Mainzer Chorfenster so wunderschön gemalt und Klaus Meyer verbal beschrieben hat. Eine Strophe lautet: “Dies ist die Nacht, die unsere Väter, die Söhne Israels, aus Ägypten befreit und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat.”

Halleluja und Shalom.

Ein harmonisches Osterfest mit vielen guten Gedanken.

 

 

Anhang

Hinweis: Wer die Chagallausstellung 2022/2023 in der SCHIRN versäumt hat, kann dies teilweise digital nachholen.

 

 

 

 

 

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