Fotoku(e)nst(ler)

 

 

 

Über die Chancen und Risiken von Fototechnik; oder: Fotos kann jeder!

Die Herausforderung ist jedoch, ein gutes Bild zu gestalten!

 

„Mit solch einer teuren Kamera könnte ich auch gute Bilder machen!“

Der Spruch kommt Euch vielleicht bekannt vor. Jedenfalls war er in der analogen Zeit in den Siebzigern und Achtzigern des letzten Jahrhunderts noch eine beliebte Entschuldigung dafür, warum die eigenen Fotos mit der Standardknipse stets nix taugten, verbunden mit der gewagten Schlussfolgerung, dass nur die Anschaffung einer sündhaft teuren Leica R4 (in Kombination mit Kodak Ektachrome professionell) das gewünschte Ergebnis würde liefern können.

Ähnliche digitale Aussagen – 0 oder 1 – kennen wir in Bezug auf Autos (Hinweis: ich bin und bleibe Stuttgarter). Daimler und Porsche waren für uns Jungs dabei stets das non plus ultra, und dieser Anspruch hat sich seitdem kaum verändert, im Schwabenland sowieso nicht. Denn auf der IAA 2017 in Frankfurt las ich immer noch den Slogan: Mercedes-Benz, das Beste oder nix!  🙂

Unstreitig hat die jeweilige Technik (als solche) einen maßgeblichen Einfluss auf das Ergebnis, und zwar überall. Und selbstverständlich macht es tatsächlich einen physikalisch messbaren Unterschied, wenn bei einem Hochleistungsobjektiv aus dem Hause LEICA nur das beste Glas und die mechanisch beste Verarbeitung durch das beste know how der Ingenieurskunst akzeptiert wird. Kompromisse muss man dann kaum eingehen. Wenn ich aber den Unterschied der hohen Abbildungsleistung der Leica-Objektive von der der ebenfalls sehr guten bis hervorragenden japanischen Optiken – wenn überhaupt – erst im Labor, und dort meistens nur im Randbereich, erkennen kann, sodass es für das gewöhnliche Auge des Betrachters überhaupt keine Rolle spielt, machen dogmatische Phantomdebatten, welche Hardware wir für’s Fotografieren unbedingt brauchen, wirklich keinen Sinn. In Digitalien (Canon versus Nikon, Sony, Panasonic, Fuji oder Olympus etc.) schon gar nicht. Denn dort ist alles herzlich willkommen, was uns Fotografen am Ende das gewünschte Ergebnis bringt, bei noch überschaubarem Aufwand. Man muss halt mit der notwendigen Technik gut umgehen können; das gilt aber für vieles andere auch.

In den letzten rund 150 Jahren hingegen nicht verändert haben sich die optischen Gesetze; ohne gutes Licht kann man auch heute nicht gut fotografieren. Und sicherlich einige grundlegende Gestaltungsregeln, die für sich und in der Kombination mehr oder weniger Ewigkeitswert beanspruchen dürfen.

Daher kann ich heute beruhigt feststellen: Wer schon früher in Analogien mehr als Fotos, nämlich gute Bilder, abgeliefert hat, der zeigt uns in der fortgeschrittenen Digitalfotografie von heute noch sehr viel Besseres bis hin zu Unglaublichem. Und wer schon damals die analoge Fotokunst und die Kultur des Sehens nicht richtig verstanden hatte, dessen Fotos sind auch als digitale Pixelwerke nicht wirklich besser geworden. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, so heißt es.

Schlussfolgerung:

Wenn wir mit der von uns präferierten Technik gute Bilder machen wollen, werden wir also auch weiterhin unbedingt zur rechten Zeit am richtigen Ort sein müssen, um im entscheidenden Moment die richtige Bildidee umsetzen zu können.

Die vorhandenen Ressourcen im Rahmen der Möglichkeiten „richtig“ investieren und zielgerichtet allokieren, kann man im Laufe der Zeit durch Erfahrung erlernen. Manches macht nämlich prinzipiell Sinn (zum Beispiel früh aufzustehen), und dann muss oft nur noch a bissle das Glück des Tüchtigen dazukommen (z.B. in der Tierfotografie). Anderes lässt man aber per se gleich bleiben, weil man es einfach weiß (z.B. machen in der Mittagshitze fast alle Tiere immer Siesta; ein Wettbewerbsbild kann somit kaum entstehen).

Beispiele aus meiner Praxis:

  • Ja, ich bin in den letzten 15 Jahren mit der Kamera häufiger ganz bewusst in einen Ballon und in ein Kleinflugzeug (mit ausgehängter Fensterscheibe) gestiegen, um die Berge auf Augenhöhe und die Landschaft auch von oben zu fotografieren.

  • Im Circus zu fotografieren, ist zunächst nicht ganz so einfach. Hier ist weniger oft mehr, namentlich der Verzicht auf die Belichtungsautomatik zugunsten der manuellen Belichtung. Und man muss a bissle antizipieren können, was z.B. der Clown als nächstes machen wird und wo ich einen Artisten (mit bereits vorher eingestelltem AF) am ehesten „einfangen“ könnte!

  • In der Tierfotografie ist möglichst viel Brennweite oft der Maßstab aller Dinge. Mit meiner schon betagten EOS 5D II fotografiere ich deshalb – komplett ohne jede Automatik – ohne weiteres durch ein (optisch herausragendes) Spektiv (rund 1000 mm und mehr), ohne dass die Tiere wegen der Unterschreitung der Fluchtdistanz nervös werden.

  • Architektur ist immer beides: Dokumentation im klassischen Sinne (möglichst ohne stürzende Linien), aber auch ein Spiel mit geometrischen Formen, bei dem man ohne weiteres die Perspektive losgelöst von oben und unten so variieren darf, dass daraus ein individuelles Seherlebnis entstehen kann. Fast alles geht und hat seine Berechtigung – vom Fisheye bis zur Telekanone, solo und – warum nicht – in Kombination mit einer Nachbearbeitung am Rechner (HDR und/oder Panorama).

  • Abenteuer Präsentation/Projektion: In der analogen Zeit haben mich die Leica-Fotografen, wie ein Hans Gsellmann oder ein Wolfgang Schiemann, mit ihren Leica-Visionen auf 3:1 Panoramaleinwänden (z.B. 7,5 x 2,5m oder 12 x 4m von der Firma Stumpfl) mit 4 bis 5 Leitz Pradovit-Projektoren in Überblendtechnik begeistert. Helfried Weyer optimierte das Ganze schließlich zur TERRAVISION auf Rollei-Mittelformat mit drei nebeneinander stehenden 6 x 6 qm Leinwänden (macht insgesamt 118 qm), auf die er mit insgesamt sechs Hasselblad-Projektoren projizierte, und zwar jede Überblend-Kombination von ihm individuell per Knopfdruck live gesteuert.

  • Panoramaprojektion probierten wir Fotoamateure daraufhin auch, zwar nicht ganz so perfekt, aber fotografisch ansprechend und für kleinere Säle mit bis zu 100 Zuschauern fast das non plus ultra.

  • Seitdem hat sich die Technik komplett gewandelt. Diafilm und Diarähmchen, mit denen wir die Pano-Bilder noch passgenau und unter Vermeidung von Staub und Kratzern mühsamst rahmen mussten, sind schon lange out. Stattdessen hat die computergesteuerte Beamershow Einzug gehalten, mit der prinzipiell ein Licht- und Tonspektakel beliebiger Art abgehalten werden kann. Aber wollen wir das wirklich?

  • Ich persönlich mag es eher nicht, und viele andere auch nicht. Ein Michael Martin, der „Wüstenfotograf“, der in den Achtziger Jahren mit seinen ersten Diashows über die nördliche Sahara durch die süddeutsche Lande zog und heute fotografisch bei PLANET WÜSTE bzw. bei PLANET ERDE sowie bei Phoenix und ARTE im TV gelandet ist, will ebenfalls lieber authentisch bleiben. Dazu gehört für ihn unabdingbar, dass er sich auf der Bühne selber live präsentiert und zu seinen Bildern komplett live kommentiert. Denn Life ist eben live! Wir wollen auch noch die Geschichten zu den Bildern und „behind the pictures“ hören, die uns nur der Fotograf erzählen kann. Und zwar genau so, wie er sie subjektiv erlebt hat.

In diesem Sinne möge jeder seinen eigenen Weg finden und dabei „glücklich“ werden. Denn darauf kommt es ja schließlich an, in der Fotografie und im Leben ohnehin. Oder nicht?  :-))

 

 

 

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