Der 9. November – ein historisches Datum in Deutschland

 

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My Art of Vision Newsletter  (09.11.2023)

 

Die Archive sind voll davon. Maßgeblich ist jedoch die Erinnerungskultur in den Köpfen der Menschen.

 

 

Die Novemberpogrome 1938 waren der Auftakt zur systematischen Verfolgung von Jüdinnen und Juden: Am Abend und in der Nacht des 9. November plünderten Nationalsozialisten jüdische Geschäfte, verwüsteten Wohnungen, steckten Synagogen in Brand, verprügelten und töteten Jüdinnen und Juden. Circa 30.000 wurden verhaftet und in Konzentrationslagern interniert. 85 Jahre später gedachte der Zentralrat der Juden in der erhaltenen Berliner Hinterhofsynagoge „Beth Zion“ der Gräuel. Auch Bundespräsident Steinmeier und Bundeskanzler Scholz nahmen daran teil. Die Veranstaltung wurde heute live im ERSTEN übertragen.

Über den Mauerfall am 9. November 1989 habe ich interessehalber in den öffentlich zugänglichen historischen Bild-Archiven des Bundes recherchiert, was Sinn macht, wenn man eine gewisse Hartnäckigkeit mitbringt, die implementierten Internettools zielgerichtet zu bedienen. Darüber hinaus wollte ich mir historische Fotos vom Brandenburger Tor anschauen (siehe Anhang), denn es ist das deutsche Bauwerk schlechthin, in welchem die deutsche Geschichte seit 1871 bis zum heutigen Tag repräsentiert ist.

Der Auslöser war ein Bildli aus meinem eigenen Fotoarchiv, das ich vor längerer Zeit von oben an einem besonderen Ort aufgenommen habe: dem Potsdamer Platz. Es zeigt das Brandenburger Tor im Umfeld der heutigen Bebauung, ganz rechts in exponierter Position die US-Botschaft. Die Rolle der USA hat für die Stadt Berlin eine existentielle Bedeutung. Denn es sind in erster Linie die Amerikaner (die Briten und Franzosen haben auch etwas dazu beigetragen), denen Berlin sein Überleben im Kalten Krieg zu verdanken hat. Und es war der US-Präsident Ronald Reagan, der 1988 vor dem Brandenburger Tor dazu aufrief, die Mauer niederzureißen.

Wenn mein Bild eine inhaltliche Aussage hat, dann ist es diese.

 

Berlin, Brandenburger Tor nebst US-Botschaft.
Berlin, Brandenburger Tor nebst US-Botschaft.

 

Persönliche Erinnerungen

1980 war Katholikentag in Berlin, in West und auch in Ost. Über den BDKJ (Bund des Deutschen Katholischen Jugend) und die Katholikentags-Verwaltung wurde uns eine Unterkunft in einer WG in Berlin-Kreuzberg zugeteilt, die damals nur einen Steinwurf von der Mauer entfernt belegen war.

Und genau dorthin, so war zu mitternächtlicher Stunde (vom 6. auf den 7. Juni 1980) mein spontaner Einfall, wollte ich – vom Reichstagsgebäude startend – zu Fuß entlang der hell erleuchteten Sperranlagen an der Mauer gehen, ganz alleine, mit dem Blick auf dieses hässliche Bauwerk, hinter dem die Vopos patrouillierten und die Wachhunde bellten. Ein gruseliges Erlebnis, bis heute. Und es war natürlich die alles dominierende Frage nicht nur eines jungen Katholiken, ob und ggf. wann dieser absurde Zustand möglichst bald sein Ende finden möge? Welchen übergeordneten Wunsch hätte ich damals sonst formulieren sollen?

Völlig überraschend war es (nur) 9 Jahre später soweit. Ich saß damals wie viele andere vor dem Fernseher, als ein “historisches Versehen” die Mauer öffnete, ohne dass ein einziger Schuss fiel.

Kaum zu glauben: 140 Menschenleben hatte die (erfolglose) Überwindung der Mauer von 1961 bis 1989 gekostet. Doch am 9. November 1989 fiel sie – im übertragenen Sinne – zusammen wie ein Kartenhaus.

Das historische Dokument, das die Initialzündung war, kann bei LEMO besichtigt werden:

 

 

 

 

Die deutsch-deutsche Währungsunion fand bereits vor der politischen Vereinigung am 1. Juli 1990 statt. Die Deutsche Bundesbank hatte damals mit einer Vorbereitungszeit von nur 3 Monaten etwas zu leisten, wofür es kein historisches Vorbild gab (großer Respekt vor den damaligen Kollegen und Kolleginnen).

Mein späterer eigener Beitrag zum Aufbau Ost (1994-1995) bei der Bundesbankfiliale Chemnitz begann mit einem Vorstellungsgespräch beim Präsidenten der Landeszentralbank in Sachsen und in Thüringen, der seinerzeit im Gebäude des ehemaligen Staatsrats der DDR (bis 1945 Deutsche Reichsbank) residierte. Ja, sein übergroßes Büro war tatsächlich das des Erich Honecker, und manche Einrichtungsgegenstände waren (bewusst) Original erhalten.

Nach Beendigung des Dienstgeschäfts bis zum Rückflug nach Stuttgart am frühen Abend war noch etwas Zeit, also marschierte ich von der Kurstraße zum Alexanderplatz und die Straße “Unter den Linden” hinunter bis zum Brandenburger Tor. Dort war drum herum eine große Abriss-Baustelle eingerichtet, aber die Freiflächen in Richtung Potsdamer Platz, die früher als Sperrgebiet dienten, waren (überraschend) zugänglich, ein Weg zu als solche erkennbaren unterirdischen Bunkeranlagen? war eingerichtet.

Neugierig konnte ich der Versuchung nicht widerstehen. Und so stand ich ein paar Minuten später tatsächlich am Eingang zum Führerbunker unter der ehemaligen Reichskanzlei – 49 Jahre nach dem 8. Mai 1945 – und habe ihn auch betreten. Fotos konnte ich damals nicht machen. Es gibt jedoch (heimliche) Bilddokumente, die 2017 vom SPIEGEL veröffentlicht wurden. Pars pro toto:

 

Eingang zum Führerbunker unter der ehemaligen Reichskanzlei - 1988.
Eingang zum Führerbunker unter der ehemaligen Reichskanzlei – 1988.

 

Schlussgedanke

Mal ganz ehrlich: Die Deutschen (im weiteren Sinne gehören Österreicher auch dazu) haben seit dem Mittelalter in Wissenschaft/Technik und Kultur Vorbildliches geleistet und zum Fortschritt der Menschheit substantiell beigetragen. In den letzten 150 Jahren hat deutscher Nationalismus, deutscher Imperialismus und zuletzt deutscher Sozialismus allerdings auch sehr viel Unheil in Europa und weltweit gestiftet. Alle politischen Strömungen haben in dieser Zeit ihre ideologischen Aufmärsche veranstaltet und sind dabei durch dieses herrliche Brandenburger Tor gezogen. Es wurde für die schlimmsten unmoralischen Zwecke missbraucht, bis es 1989 zu einem Glücksfall der deutschen Geschichte wurde.

Als vor Kurzem die selbsternannten Klimaretter (keine Polemik) dieses wahrlich historische Gebäude für ihre Zwecke mit Farbe beschmierten, dürfte es vielen wie mir gegangen sein. Was haben wir in Deutschland eigentlich falsch gemacht, dass es nichts mehr gibt, wovor man noch Respekt hat?

Nein, es gibt dafür keine Entschuldigung. Auch wer nach 1989 geboren wurde und (begründet) sorgenvoll in die Zukunft blickt, muss wissen, wer wir Deutsche sind, woher wir kommen und insbesondere wer in Deutschland und für Deutschland jahrzehntelang mit großem Einsatz dafür gekämpft und sich geopfert hat, dass wir dort stehen, wo wir heute sind, und dass wir das (noch) als Demokratie bezeichnen dürfen.

 

English Translation

Let’s be honest: since the Middle Ages, the Germans (in a broader sense, this also includes Austrians) have made exemplary achievements in science/technology and culture and have contributed substantially to the progress of mankind. In the last 150 years, however, German nationalism, German imperialism and, most recently, German socialism have also caused a great deal of mischief in Europe and worldwide.

All political currents organized their ideological marches during this time, passing through this magnificent Brandenburg Gate. It was misused for the worst immoral purposes until 1989, when it became a stroke of luck in German history.

When the self-proclaimed climate saviors (not a polemic) recently smeared this truly historic building with paint for their own purposes, many people must have felt like me. What have we actually done wrong in Germany that there is nothing left to respect?

No, there is no excuse for this. Even those who were born after 1989 and are (justifiably) worried about the future need to know who we Germans are, where we come from and, in particular, who in Germany and for Germany fought and sacrificed for decades to get us where we are today and that we can (still) call it a democracy.

 

 

Anlage

Das Brandenburger Tor in den Bildarchiven des Bundes für deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis 1996 (unkommentiert)

 

Hinweis

Die Bilddateien sind Lizenz frei den historischen Bildarchiven des Bundes entnommen. Wer dort eigenständig recherchieren möchte, der klicke hier:

https://www.dhm.de/lemo/

https://www.hdg.de/

https://www.hdg.de/geschichte-online

https://www.hdg.de/zeitgeschichtliches-forum/sammlung

https://www.bundesarchiv.de/DE/Navigation/Home/home.html

 

 

 

 

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